Was Gerhard Himmelmann unter Demokratie versteht

Im Zuge unseres Projektes zur Demokratie in der Grundschule setzen wir uns mit den Gedanken und Aussagen von Gerhard Himmelmann auseinander. Wir empfinden seine Ansichten als sehr grundlegend und einen guten Ausgangspunkt, wenn man sich mit Demokratie in der Schule beschäftigt. Daher soll hier nun ein Überblick über seine Theorie gegeben werden.

Gerhard Himmelmann =
Mitglied von Rahmenrichtlinienkommissionen und Leiter wissenschaftlicher Projekte
Mitglied im Fachbeirat des BLK- Modellprogramms „Demokratie lernen & leben“
Lehrgebiet: Politische Wissenschaft und Politische Bildung (TU Braunschweig)

Versucht man Demokratie zu definieren, meint Himmelmann, dass es keine allgemein gültige Demokratietheorie gäbe. Jedoch sieht er sie als „Herrschafts-/ Gesellschafts- und Lebensform“(Abb.1) und dazu gehört dann die Geltung bestimmter Persönlichkeits- und Freiheitsrechte, die Existenz regelmäßiger, freier, gleicher, allgemeiner Wahlen und das Bestehen einer Volksvertretung sowie einer Gewaltenteilung. Was Demokratie im Schulalltag bedeuten kann, soll in diesem Blog noch geklärt werden.
„Demokratie bedeutet in diesem Zusammenhang: gegenseitige Anerkennung und Teilhabe an Entscheidungen, Offenheit und ernsthafte Diskussion über die Grundlagen des gemeinsamen Zusammenlebens. Sie bedeutet Gewaltlosigkeit, Rücksicht, Empathie, Toleranz und Solidarität im Verhalten zu Anderen.“ (Himmelmann 2002, S. 4)
demokratie3

Abb. 1: Demokratie in komplexer Wechselwirkung
(http://www.schulische-gewaltpraevention.de/gewaltpraevention%20sekundarstufe/images3/demokratie3.jpg)
Heutzutage ist feststellbar, dass die Demokratie „zunimmt“. Aber es besteht eine Skepsis bezüglich der Globalisierung, eines institutionellen Wandlungsdrucks und der De-Nationalisierung der Demokratie. Auch entstehen ethisch- normative sowie bürgerschaftliche Fragen und „Demokratiedefizite“. (vgl. Klingemann/ Neidhardt, 2000)
Daraus entsteht, laut Himmelmann, dann ein Ansatz, die Jugend für Demokratie zu aktivieren, indem zur Zivilität und Solidarität erzogen wird. Demokratie soll verstanden und praktisch erlebt werden.
Also: „nicht nur kognitives Wissen anhäufen, sondern vor allem sozialmoralische Einstellungen, sozial erwünschte Handlungsbereitschaften, interaktive Kooperationen, politische Entdeckungsfreude und habituelle Sozialdispositionen wecken“ (Himmelmann 2004, S.6)
Dementsprechend sollten Lernumgebungen geboten werden, dass die erwünschten „affektiv- moralischen Einstellungen“ Anregungen erhalten.

Auch hat die Erziehung und die sozial- emotionale Situation der Kinder und Jugendlichen eine wichtige Bedeutung in der Demokratie.
„Es gibt keine Demokratie ohne überzeugte Demokraten, die die Grunderfordernisse der Demokratie in ihrer Lebenswelt selbst erlernt, eingeübt und verinnerlicht haben.“(Himmelmann 2004, S. 7)
Himmelmann zitiert wichtige Leitsätze anderer Personen zur Demokratie, um Grundlegendes klarzustellen:
– Niemand wird als Demokrat geboren (Michael Greven)!
– Demokraten fallen nicht vom Himmel (Theodor Eschenburg)!
– Noch nie war Demokratie ein Selbstläufer (Siegfried Schiele)!
– Demokratie ergibt sich nicht „naturwüchsig“ (Jürgen Habermas)!
– Demokratie muss gelernt werden, um gelebt werden zu können (K. G. Fischer)!
– Demokratie muss gelebt werden, um gelernt werden zu können (Giesela Behrmann)!
– Demokratie ist ein ständiger „Selbst-„ und „Neuschöpfungsprozess“ (Hans Joas)!
– Demokratie ist nicht nur eine Regierungsform, sondern vor allem eine spezifische „Form des Zusammenlebens“ (John Dewey)!
– Demokratie ist eine „soziale Idee“ (John Dewey)!
– „Demokratie hat die beste Stütze in bewussten Demokraten“ (Adolf Schüle)!

Des Weiteren geht er davon aus, dass das Große im Kleinen anfängt (vgl. Himmelmann 2004, S.7). Gemeint ist, dass die Erziehung zur Demokratie also bei den jungen Menschen ansetzen kann.
„Sie sollen von Anfang an die Universalität und Unteilbarkeit der Grund- und Menschenrechte als Wert ansehen. Sie sollen lernen, diese Werte in ihrem konkreten Leben zu akzeptieren, anzuerkennen und zu praktizieren. Die Achtung der Würde, des Wertes und der Freiheit eines jeden anderen Menschen gehören dazu, allerdings auch das Streben nach Gerechtigkeit und die Anerkennung der Gleichwertigkeit und Gleichbehandlung in einer Welt voller Unterschiede und nicht zuletzt die Akzeptanz von legitimierter Herrschaft und die Achtung der Geltung des Rechts.“ (Himmelmann 2002, S.4)
Er fordert die „demokratische Gesinnung“ und das „Erlernen und Erfahren von Demokratie“ zu verstärken.
Demokratie- Lernen soll dabei praktisch umgesetzt werden und die drei Ebenen „Lebens-, Gesellschafts- und Herrschaftsform“ sollen dabei verknüpft werden. Dabei können in der Schule die fachlichen Anforderungen den jeweiligen Erfahrungshorizonten der Kinder angepasst werden. Sie können zunächst etwas zur Demokratie als “sozial-kooperative, d. h. Verantwortung einübende sowie auf Gewaltverzicht und Toleranz beruhende, aber nicht konfliktlose oder schlicht „harmonische“ Lebensform“ lernen. (Himmelmann 2004, S.12)
Außerdem fordert die Demokratie Eigenverantwortung und die Lehrkraft als Vorbild. Die SchülerInnen lernen nicht nur „von“ sondern auch „an“ der Lehrperson.
„Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler müssen die in der Demokratie geltenden Prinzipien der kooperativen Wechselseitigkeit, der gegenseitigen Anerkennung und der friedlichen Konfliktregulierung zu gemeinsamen Zwecken immer wieder neu reflektieren und praktisch neu einüben.“(Himmelmann 2002, S.9)

By the way sollte an dieser Stelle geklärt werden, was Demokratische Erziehung ist:
„Eine Erziehung, welche der Staats- und Gesellschaftsform ‚Demokratie‘ entspricht, sich mit ihren Prinzipien im Einklang befindet, ihr zuarbeitet in dem Sinne, dass sie die Kinder befähigt, Demokraten zu werden, Bürgerinnen und Bürger eines demokratischen Gemeinwesens, wenn möglich sogar entschiedene Verwirklicher und Verteidiger der Demokratie.“ (Andreas Flitner, 1996)

Es stellt sich die Frage, ob man in der Schule von Demokratie sprechen kann, wenn die SchülerInnen Zensurenregelungen, Rahmenlehrplänen, Schulbüchern etc. unterliegen?
Ich denke, dass Demokratie in kleinen Teilen umgesetzt werden kann…
Beispielweise gibt es ja Klassenräte, Klassen-/Schulsprecher, Elternvertretungen, Fachkonferenzen u.ä. , welche dann sozusagen die „Volksvertretung“ und eine „Gewaltenteilung“ repräsentieren. Aber inwieweit eine Schule bzw. eine Lehrkraft dann die SchülerInnen mitbestimmen oder auch bestimme Aspekte oder Themen wählen lässt und inwiefern die Persönlichkeits- und Freiheitsrechte beachtet werden, variiert wahrscheinlich stark.

Himmelmann nennt Ebenen des Demokratie- Lernens, welche Anhaltspunkte für einen „demokratischen“ Unterricht darstellen. Exemplarisch sollen einige vorgestellt werden:
Die Beziehung zwischen LehrerInnen und SchülerInnen beruht auf einem „demokratischen Erziehungsstil“-> Achtung, Anerkennung, Vertrauen, Recht auf Respekt vor der PK, Gleichberechtigung, Partizipation
Die Beziehung zwischen den SchülerInnen: „Ansätze des Lernens im Umgang mit Emotionen, mit Konflikten, Fremden und Besonderheiten zeigen die Ziele und die Methoden des Erlernens eines demokratischen Miteinanders unter den Schülern, des Erlernens von Toleranz, von Selbstvertrauen, von Selbstbestimmung und von Selbstkontrolle im sozialen Kontext.“
Ein „förderliches Lernklima“ soll erzeugt werden; Disziplinlosigkeit wird als „undemokratisches Verhalten“ erachtet.
Schulische Konflikte werden mit demokratischem Verhalten gelöst.
Fachunterricht zur Politischen Bildung sollte „Erfahrungen ermöglichen, Möglichkeiten und Grenzen des Demokratie- Lernens reflektieren und vor allem konkrete demokratiepädagogische Erfahrungs- und Handlungsfelder erschließen“, sodass die Demokratie für SchülerInnen inhaltlich nicht uninteressant wirkt
„Vom Demokratie- Unterricht müssen übergreifende, handlungsorientierte Projekte des demokratischen Handelns in der Schule ausgehen. Dazu bedarf es eines offenen, fächerübergreifenden und kommunikativen Unterrichts, in dem die Schülerinnen und Schüler auch Erfahrungen mit den vielen Schwierigkeiten, Problemen, Hemmnissen, Konflikten und Anforderungen des demokratischen Prozesses sammeln.“
(Himmelmann 2004, S. 14- 15)
Durch das Demokratie- Lernen erwerben SchülerInnen Kompetenzen im Bereich der affektiv- moralischen Einstellungen, kognitive Fähigkeiten und praktisch- instrumentelle Fertigkeiten.
Hinzuzufügen ist, dass Himmelmann eine Erneuerung der politischen Bildung in der Schule fordert. „Die Auffassung, dass politische Bildung nicht dabei stehen bleiben kann, abstraktes Wissen über politische Probleme der Zeit, über die repräsentative Demokratie und das Grundgesetz zu vermitteln, hat zugenommen.“(Himmelmann 2004, S.2)
Auch stellt er die Überlegung an, ob der Begriff „Politische Bildung“ veraltet ist und es lieber „Erziehung zur Demokratie“ heißen sollte. (vgl. Himmelmann 2004)
Der Unterricht sollte auch schon in der Grundschule lebensnah und erfahrbar gestaltet werden und es sollte eine „Öffnung hin zum sozialen Lernen“ erfolgen.
„Eine solche politische Bildung soll den Kindern und Jugendlichen – von der Grundschule an – konkrete Lebens- und Orientierungshilfen anbieten, diese Lebenshilfe mit sozialem Lernen verknüpfen und auch die „politische“ Dimension des gemeinsamen Zusammenlebens in der Gesellschaft deutlich machen.“ (Himmelmann 2004, S.2)
Auch soll die Selbstwirksamkeit und das Selbstbewusstsein der Kinder, das soziale Bewusstsein und die politische Sensibilität für Ereignisse im Umfeld der SchülerInnen gefördert werden. Man soll nicht nur über Demokratie reden, sondern auch demokratisch Denken und Handeln. (vgl. Himmelmann 2004) Des Weiteren sollen die Kinder reale demokratische Verhaltensweisen an den Tag legen: „Gewaltverzicht, Zivilität, Fairness, Toleranz, Selbstregulierung, Solidarität und Selbstverwirklichung im sozialen Kontext und um soziale Kooperation zu gemeinsamen Zwecken“. (Himmelmann 2004, S.10)
Das gesellschaftliche Zusammenleben soll auch in der Schule auf Freiheit und Gleichheit basieren.
Nun stellt sich die Frage, wozu Demokratie- Lernen also stattfinden soll?
Himmelmann meint, dass den Kindern und Jugendlichen Probleme, Gefahren und Konflikte im menschlichen Zusammenleben verdeutlicht werden sollen und wie diese zu bewältigen sind. Die Grundlagen der Demokratie sollen bewusst werden und im eigenen Verhalten sowie bei der Beurteilung anderer Menschen berücksichtigt werden. (vgl. Himmelmann 2004)
„Solches Demokratie-Lernen soll – im Kleinen und im Großen – die Strukturen und Verfahren der gemeinsamen Willensbildung, Entscheidungsfindung, Organisation und Umsetzung von gefassten Beschlüssen nahe bringen. Zugleich sollen den Kindern und Jugendlichen – im Kleinen und im Großen – die drängenden Fragen der Zeit, unserer Geschichte, der Zukunft und der Welt im globalen Zusammenhang der Bewältigung zugänglich gemacht werden, damit die Jugendlichen in ihrer Einzelheit die Orientierung am Ganzen nicht verlieren. So verstanden, wird Demokratie-Lernen nicht unpolitisch sein“ (Himmelmann 2004, S.16)
„Demokratie-Lernen ist ein gewichtiger Teil der uns gestellten Aufgabe der Bürgerqualifizierung – im Kleinen und im Großen.“
(Himmelmann 2004, S.17)

Abschließend sei zu sagen: Ob die Dreiteilung Himmelmanns Sinn macht, wurde und wird aus politikdidaktischer Sicht diskutiert, da die Agrenzungen zwangsläufig fließend sein müssen (Dondl, S.212). Auch nach dieser Zusammenfassung bleibt Demokratie ein verschwommener und mehrdeutiger Begriff. Das weist uns daraufhin, dass wir bei jeder Erwähnung dieses Begriffs selber herausfinden müssen, welches Verständnis in der jeweiligen Situation dahinter steckt.

Wir bleiben gespannt was -im Gegensatz zu dem von uns gewählten Wissenschaftler Hr. Himmelmann- Kinder unter Demokratie verstehen und wie Demokratie, ob im Kleinen oder Großen, überhaupt wirklich an Grundschulen stattfindet.

Quellen:

Dondl, Jacob (2013): Politik-Lernen in der Grundschule. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt. S.11-217.
Flitner, Andreas(1996): Schule und Demokratie, in: Grundschulzeitschrift, H. 100/1996, „Grundschule als Schule der Demokratie“, S. 6 – 9.

Himmelmann, Gerhard (2002) Demokratie- Lernen- Eine Aufgabe moderner Bildung

http://schule-demokratie.brandenburg.de/experten/GerhardHimmelmann_DemokratieLernen.pdf


(letzter Zugriff: 15.06.15)

Himmelmann, Gerhard (2004): Demokratie- Lernen: Was? Warum? Wozu? In: Edelstein, W./ Fauser, P.(Hrsg): Beiträge zur Demokratiepädagogik- Eine Schriftenreihe des BLK- Programms „Demokratie lernen & leben, Berlin

Himmelmann, Gerhard (2007): Demokratie-Lernen als Lebens-, Gesellschafts- und Herrschaftsform. Ein Lehr- und Studienbuch, Schwalbach/Ts., 3. Aufl.

Klingemann, Hans-Dieter; Neidhardt, Friedhelm (2000): Zur Zukunft der Demokratie. Herausforderungen im Zeitalter der Globalisierung. Berlin: Edition Sigma (WZB-Jahrbuch, 2000)

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